Vom totalen Krieg gegen Covid zur Eskalation des Ukraine – Kriegs. Eine Analyse von Fabio Vighi

Verschiedene Autoren haben sich hier schon mit den Hintergründen der Eskalation der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine befasst. Dort herrscht seit mindestens 2014 eine Art Bürger-Krieg in der Ostukraine und im Donbass, - ohne das die Massenmedien darüber berichtet hätten. Es kam im Jahr 2014 zu einem Putsch, infolge dessen das Staatsgebilde Ukraine gegen alle Verabredungen als militärisches Sprungbrett für die USA/ NATO vorbereitet wurden. Doch ...

Doch was haben diese Ereignisse mit dem Corona-Manöver zu tun?  Einleitungstext von Dr. Peter F. Mayer, Herausgeber der Internetseite tkp.at. Text sprachlich verbessert von Ottmar Lattorf....

Vom totalen Krieg gegen Covid zur Eskalation des Ukraine – Kriegs

In einem Artikel mit dem Titel „Westliche Währungen (Dollar/ Euro) im Long Covid-Siechtum: ein unheilbarer Zustand“ analysierte Fabio Vighi (1) die Hintergründe und Ursachen, dessen was unter dem Vorwand des Schutzes der Bevölkerung vor einer möglichen Covid-Erkrankung seit zwei Jahren passiert. Vighi stellt fest, dass die weltweite COVID-19 - Kampagne im Wesentlichen ein Symptom des Amok laufenden Finanzkapitals ist. Vighi analysiert, dass es sich sowohl bei Covid, als auch bei dem Ukraine Krieg um Krankheits-Symptome des kapitalistischen, Wirtschafts- Systems handelt, dass nicht mehr in der Lage ist, sich NORMAL durch die Schaffung von Profiten aus menschlicher Arbeit zu reproduzieren. Um die gewünschten Profitraten so hoch zu bekommen wie es die Herren der Geldes gerne hätten, sind sie daher auf permanentes Geld-Doping angewiesen. Die Bankenkrise und Bankenrettung des Jahres 2008 war bereits ein Vorbote dieser fundamentalen und bisher ungelösten Krise des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Während die strukturelle Schrumpfung der Arbeits-basierten Wirtschaft den Finanzsektor immer weiter aufbläht, (sie drucken einfach immer mehr Geld und schaffen sich eine Inflation = Geldentwertung), können die strukturellen Widersprüche dieses Systems nur noch durch die Inszenierung globaler Notfälle durch Massenpropaganda und Tyrannei eingedämmt werden. - Wenn es nicht gelingt dieses Wirtschafts-System, was wir Kapitalismus nennen, grundsätzlich zu kippen, grundsätzlich abzuschaffen.

In einem neuen Essay mit dem Titel „Vom totalen Krieg gegen Covid zur Eskalation des Krieges in der Ukraine“ analysiert Vighi nun die gemeinsamen ökonomischen Gründe zwischen das Covid Pandemie-Manöver und der Eskalation des Kriegs in der Ukraine:

Hier der übersetzte Text aus dem The Philosophical Salon:

Vom totalen Krieg gegen Covid zur Eskalation des Ukraine – Kriegs. Von Fabio Vighi

Die massenmediale Deeskalation des Krieges gegen Covid ging nahtlos in die Eskalation des Krieges in der Ukraine über, wobei Wladimir Putin prompt das Virus als Staatsfeind Nummer eins ablöste, wie in einem unwirklichen Hollywood-Thriller. Auch wenn die Umstellung vorhersehbar war, schien die Ablösung der Corona-Bösewicht Darstellung zur Putins-Krieg Inszenierung fast zu glatt, um glaubwürdig zu sein. Der platte und umstandslose Umschwenk der Choreografie durch die Konzernmedien hat jedoch für eine eindimensionale Darstellung von Putins Krieg gesorgt….

Als der französischer Medienwissenschaftler Jean Baudrillard seinerzeit schrieb , dass der „Golfkrieg im Jahr 2003, so wie wir ihn durch die Medien vermittelt bekommen haben, gar nicht stattgefunden hat“ meinte er damit, dass die martialisch Gewalt des Krieges („Shock and Awe“), die dem Zuschauer als Medienspektakel in die Wohnzimmer geflimmert bekam ein Simulakrum zu dem Krieg war, ein vorgestelltes Ding, das mit dem tatsächlichen Krieg nur verwandt war. Die spezifische Form der Darstellung eines sich so vorgestelltem Etwas (der Irak -Krieg 2003) in eine Hyperrealität, in ein Abbild von etwas verwandelt wird, das es in der Realität nicht gibt: etwas, das so eindeutig und überwältigend real ist, dass es jede Frage, jeden Zweifel und jeden Unglauben in Bezug auf die massenmediale Darstellung ausschließt. Covid und die russische Invasion sind emphatische (ausdrückliche, übertriebene) Explosionen der der von den Massenmedien geschaffenen Hyperrealität, die wir fälschlicherweise für die Wirklichkeit halten. Als solche fällt dieses künstliche Realität auf uns, wie eine Bettdecke, die die gesamte Realität in ihrer Komplexität einfach zudeckt und sie durch ein vorgefertigtes Modell falscher binärer Gegensätze ersetzt: gesund/krank, wahr/falsch, demokratisch/faschistisch, gut/böse.

Wie sonst ließe sich die Entscheidung der Meta-Plattformen (Facebook und Instagram) erklären, ihren Nutzern zu erlauben, zur Gewalt gegen Russen aufzurufen (offenbar eine vorübergehende Änderung ihrer Hassreden-Politik)? Oder die Aussetzung eines Universitätskurses über Fjodor Dostojewski, weil er Russe war? Oder die Weigerung einer Privatklinik, Russen und Weißrussen zu behandeln? Es fällt auf, dass sowohl bei der Corona Pandemie, als auch bei der ukrainische Affäre die gleichen Kriegsstrategien angewendet werden!

Es gibt keine Verbindung mehr zwischen der Realität und ihrer hyperrealen Karikatur im gesellschaftlichen Metaversum. (= Ein Metaversum ist ein geschlossener, digitaler Raum, der durch die Annäherung an eine virtuelle, erweiterte und physische Realität entsteht.)

Putins Krieg ist die ideale Fortsetzung des „Kriegs gegen Covid“. Das übergeordnete Ziel besteht darin, das eigentliche Problem zu verschleiern, das darin besteht, Berge von billigem Geld in die schuldensüchtige Wirtschaft zu schleusen. Der Notstand ist das makroökonomische Ereignis unserer Zeit. Lassen Sie uns diese Behauptung näher untersuchen.

Die Zeitbombe Ukraine

Zwei Fragenkomplexe werden in der hyperrealen Darstellung von „Putins Krieg“ ausgeklammert.

- Erstens, die (offensichtliche) geopolitische Frage: Die Ukraine war eine tickende Zeitbombe, die jederzeit explodieren konnte. Die Osterweiterung der NATO gipfelte in der Inszenierung des ukrainischen Regimewechsels von 2014, bei dem, wie der US-amerikanische Politikwissenschaftler John Mearsheimer es kürzlich formulierte, „ein pro-russischer Führer gestürzt und ein pro-amerikanischer Führer eingesetzt“ wurde, als Teil eines Plans, „die Ukraine in ein westliches Bollwerk an Russlands Grenze zu verwandeln„. Im Klartext: ein Staatsstreich (mit Folgen wie dem Massaker von Odessa am 2. Mai 2014). Falls jemand eine Bestätigung für den Putsch braucht, hilft das durchgesickerte Telefongespräch zwischen Victoria Nuland (eine US-amerikanische Diplomatin, die im Jahr 2014 in der Ukraine war) und Geoffrey Pyatt vom Februar 2014: Es zeigt, dass das US-Außenministerium der Obama-Regierung die Zusammensetzung der neuen ukrainischen Regierung nur wenige Tage vor dem Aufstand auf dem Maidan-Platz plante, der den Sturz der Regierung Janukowitsch auslöste. (Telefonat über Ukraine enthüllt Washingtons kriminelle Methoden: https://www.wsws.org/de/articles/2014/02/11/ukra-f11.html)

In den letzten Jahren – während die selbsternannten Donbass-Republiken von den ultra-nationalistischen Milizen der Ukraine ständig angegriffen wurden (was Tausende von Opfern forderte) – hatte die US-geführte NATO ihre Militarisierung des Landes intensiviert und dabei auch mit ukrainischen Neonaziszusammengearbeitet, deren Rolle in einem Land, dessen Parlament beschlossen hat, den Geburtstag des Nazi-Kollaborateurs Stepan Bandera als Nationalfeiertag zu begehen, ist alles andere als marginal.

Die NATO handelte in vollem Bewusstsein, dass ihr Abkommen mit der Ukraine für Russland einer Kriegserklärung gleichkäme – wie Putin in seiner berühmten Rede auf der Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik am 11. Februar 2007 betonte. NATO-Truppen und Militärstützpunkte, die mit defensiven antiballistischen Raketen (die in offensive Atomwaffen umgewandelt werden können) ausgestattet sind, wurden weiterhin in verschiedenen Regionen Osteuropas stationiert. An dieser Stelle stellt sich die rhetorische Frage: Würde Joe Biden (oder jeder andere an seiner Stelle) es tolerieren, wenn Russland die Vereinigten Staaten von Kuba, Mexiko oder Kanada aus mit solchen Artilleriegeschützen umzingelt? Aus diesem Grund war die ukrainische Bombe nach jahrzehntelangen Provokationen bereit zu explodieren.

Finanzielle Kriegsführung

- Der zweite Themenkomplex betrifft die wirtschaftliche Agenda, deren Erscheinungsform die eines Finanzkriegs ist. Drakonische Sanktionen, die von den westlichen Staats- und Regierungschefs verhängt wurden – vor allem das Einfrieren von Vermögenswerten und der Ausschluss russischer Banken aus dem globalen Zahlungssystem SWIFT – sollen Putin und seinen plötzlich verwerflichen „Oligarchen“ schaden. Es ist jedoch alles andere als sicher, ob dieses Ziel erreichbar oder gar wünschenswert ist. Können sich die USA und die EU, deren große Investmentbanken in russischen Schulden engagiert sind, das finanzielle Spielchen mit Russland wirklich leisten? Und warum sollte J.P. Morgan (= US-amerikanischerUnternehmer und heute einflussreiche Privatbank), der offiziellen Erzählung über die wirtschaftliche Implosion des Feindes widersprechen, indem sie ihren Kunden empfiehlt, ihre Positionen in einigen russischen Unternehmensanleihen zu erhöhen? De facto wettet die US-Megabank auf eine rasche Erholung Russlands.

Darüber hinaus ist Russland der weltweit größte Produzent von fast allen Rohstoffen, und angesichts des derzeitigen Niveaus der steigenden Inflation auf der ganzen Welt scheint es fast unmöglich oder selbstmörderisch, auf seine Lieferungen zu verzichten. Ist das der Grund, warum Europa den Bezug von russischem Gas eingestellt hat und nun Kohle importiert – aus Russland?

In den Medien wird vorausgesagt, dass die Sanktionen den Zusammenbruch des Rubels und damit das Ende von Putins Herrschaft herbeiführen werden. Putin hat sich jedoch mit Devisenreserven (Fremdwährungen) und insbesondere mit großen Mengen Gold eingedeckt. Sollte die russische Wirtschaft zusammenbrechen, könnte er Anleihen ausgeben und deren Wert mit Öl-, Gold- und Gasvorräten decken. Kurz gesagt, er scheint mehr Einfluss zu haben, als unsere Medien uns glauben machen wollen. Der Rauswurf Russlands aus dem auf US-Dollar lautenden SWIFT-System würde Putin auch mehr Anreize geben, sich nach anderen Märkten und Währungen umzusehen (insbesondere China oder Indien), was wiederum den US-Dollar und damit so ziemlich alles andere weiter untergraben würde. Die gefürchtete Ent-dollarisierung der Wirtschaft könnte schnell Realität werden. ...

Der Gazprom-Elefant im (beheizten) Raum

Während die Regierungen fleißig restriktive Maßnahmen ergreifen, die der Öffentlichkeit als Heldentaten verkauft werden, haben die Staats- und Regierungschefs der EU und der USA von Anfang an darauf geachtet, einige der finanziellen Schwergewichte Russlands wie die Sberbank (deren Sanktionierung nun von Deutschland abgelehnt wird) und vor allem die Gazprombank nicht zu beschneiden – warum? Die Sberbank ist Russlands größter Kreditgeber und Inhaber von Vermögenswerten, so dass ein vollständiges Embargo einen erheblichen Kollateralschaden für westliche Banken bedeuten würde. Der eigentliche Stein des Anstoßes ist jedoch die Gazprombank, denn sie verwaltet die Zahlungen für russisches Öl und Gas, von denen die EU-Länder abhängig sind und die sie immer noch kaufen. Nur etwa ein Viertel des russischen Bankensektors ist derzeit von Sanktionen betroffen – soll das Putin wirklich aufhalten?

Wolfgang Münchau (ehemaliges Mitglied der Financial Times) brachte die Heuchelei der EU (und der USA) mit entwaffnender Einfachheit auf den Punkt: „Die EU jubelt der ukrainischen Seite aus sicherer Entfernung zu, aus warmen Wohnzimmern, beheizt von russischem Gas.“ Da Russland ein wichtiger Handelspartner für Europa (fast die Hälfte des europäischen Gases kommt aus Russland), aber auch für die USA (Importeur von russischem Öl) ist, ist es unwahrscheinlich, dass die Sanktionen in der Realität so eintreten, wie sie in den Nachrichten dargestellt werden. Wenn sich also die „Sanktionsbazooka“ als Wasserpistole oder Bumerang entpuppt, müssen wir anderswo nach Antworten suchen.

Das verschlungene Netz, das wir weben

Betrachten wir die Entscheidung des Westens, Tausende von Waffen an die Ukraine zu liefern, als die russische und die ukrainische Delegation gerade am Tisch der ersten Verhandlungsrunde in Gomel (Belarus) saßen. Russland forderte von Anfang an den neutralen Status der Ukraine, ihre Entmilitarisierung und die Autonomie der Krim und der Donbass-Republiken. Die Entsendung von Militärhilfe an die Ukraine war kaum geeignet, zu einem erfolgreichen Ausgang der Verhandlungen – oder gar des Konflikts – beizutragen. Welche Strategie verfolgt die NATO also? Oder anders gefragt: Aus welchem Drehbuch hat Präsident Zelensky vorgelesen? Glaubt Zelensky, indem er Putins Bedingungen ablehnt, dass er die russische Armee allein zurückschlagen kann? Oder hofft er, dass die NATO eingreift und den Dritten Weltkrieg auslöst? In jedem Fall wäre er wahnsinnig. Als Komiker, der vor weniger als vier Jahren zum Politiker wurde (nachdem er in einer Fernsehserie den ukrainischen Präsidenten gespielt hatte), scheint Zelensky wie geschaffen für diese Rolle. Aber hier wird die Sache noch komplizierter.

Wie sein Vorgänger Poroschenko könnte Zelensky im Besitz potenziell kompromittierender Informationen über die „Russiagate“-Travestie oder die ukrainischen Verbindungen der Familie Biden sein – unter anderem saß Hunter Biden (Sohn des aktuellen US Präsidenten) 2014, unmittelbar nach den Ereignissen auf dem Maidan, im Vorstand des ukrainischen Gasriesen Burisma. Um die Sache noch komplizierter zu machen, hat die Neokonservativistin Victoria Nuland (jetzt Unterstaatssekretärin) vor dem US-Senat erklärt, dass „die Ukraine über biologische Forschungseinrichtungen verfügt“ und damit russische und chinesische Behauptungen bestätigt, die bis dahin von der üblichen Kohorte selbsternannter Faktenprüfer als „Verschwörungstheorie“ belächelt wurden. Warum verspürte Nuland den unwiderstehlichen Drang, die Biolabor-Bombe platzen zu lassen, die im Widerspruch zu Jen Psakis wütender Widerlegung vom Vortag stand? Warum warnte Nuland, dass die Russen daran gehindert werden sollten, diese „Einrichtungen“ zu erreichen? Sollte ihr Duett mit Senator Marco Rubio eine peinliche Wahrheit über die von den USA finanzierten Programme zur „Reduzierung biologischer Bedrohungen“ in der Ukraine verbergen? Da sich nun auch die WHO einmischt, ist nur eines sicher: Wir befinden uns wieder mitten in den Intrigen des Kalten Krieges. Und die Frage, die man sich stellen muss, ist immer die gleiche: Wem nützt es?

Notfal cui prodest lsucht (= getan hat es der, dem es nützt – beschreibt einen frühen Grundsatz kriminalistischer Motivsuche)

Auch wenn der obige Subtext relevant sein mag, um der sich entfaltenden menschlichen Tragödie einen Sinn zu geben, bin ich der Ansicht, dass die ukrainische Affäre letztlich ganz im Zeichen der „Makroökonomie“ steht. Der Grund dafür ist einer, den eher Finanzanalysten als Philosophen begreifen: Ein langwieriger Konflikt legitimiert das Abziehen weiterer Schulden aus der Zukunft, während die Schuld für den kommenden wirtschaftlichen Tsunami der jüngsten Reinkarnation von Dr. Seltsam zugeschoben wird. (= real-satirischer Spielfilm aus dem Jahr 1964, mit dem Titel „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ von Stanley Kubrick über den sog. Kalten Krieg und die nukleare Abschreckung zwischen Russland und USA! Sehr sehenswert, und hochaktuell: Hier ein Ausschnitt: https://www.youtube.com/watch?v=RfuZdPtPffM)

Im Wesentlichen hat Putin („Mad Vlad“) mit seiner Militäroffensive der Federal Reserve (und anderen großen Zentralbanken) erlaubt, den Tag der Abrechnung für unser ultra – finanzialisiertes Wirtschaftssystem (= Tendenz des kapitalistischen Systems hin zu einer zunehmenden Dominanz des Finanzsektors gegenüber anderen Bereichen des Wirtschaftssystem zu verschieben.) Denn billige Schulden, die in noch mehr Schulden investiert werden, sind das, was die Titanic (= das kapitalistische Wirtschaftssystem) angeblich vor dem Sinken bewahrt.

Da die Nachfrage nach finanziellen Vermögenswerten durch die Nachfrage nach Schulden aufrechterhalten wird, erfüllen globale Notlagen (Pandemie und Kriege ..) genau die Forderung nach mehr Kreditaufnahme: Berge von billigem Geld werden aus dem Nichts geschaffen und als finanzielles Druckmittel eingesetzt. Der Appetit auf Kreditaufnahme ist nun wirklich endemisch,(= fortwährend gehäufte Fälle einer Krankheit) denn er betrifft auch die Realwirtschaft, die Haushalte und vor allem die Regierungen. Aus diesem Grund sind globale Notlagen die Hauptantriebskraft für die künstliche Geldmengenausweitung, die wiederum den kapitalistischen Ausweg aus der Verwertungskrise (Unfähigkeit, gesellschaftlich ausreichende Mengen an Mehrwert und damit realen Reichtum zu erzeugen) darstellt, die unsere Produktionsweise seit der Dritten Industriellen Revolution und der Implosion des Bretton-Woods-Systems in den 1970er Jahren plagt. (Als Bretton-Woods-System wird die nach dem Zweiten Weltkrieg neu geschaffene internationale Währungsordnung mit Wechselkursbandbreiten bezeichnet, die vom US-Dollar als Ankerwährung bestimmt war.)

Aus diesem Grund scheint es legitim zu argumentieren, dass alle geopolitischen Ereignisse entweder ihren Ursprung in den Geschehnissen im Finanzolymp haben oder von ihnen stark beeinflusst werden. Die Putin-Pandemie wird also durch dieselbe List angetrieben wie die Covid-Pandemie: Sie gibt den Zentralbanken einen Freibrief, ihre monumentalen Gelddruckereien fortzusetzen, die die Märkte ankurbeln und gleichzeitig die Weltwirtschaft weiter unter Druck setzen. Dies ist die Einbahnstraße des heutigen Kapitalismus.

Die Zeitbombe der Schuldenkrise

Wir sollten uns immer das große Ganze vor Augen halten: Seit 2009 befinden sich alle großen Zentralbanken in einer beispiellosen Geldschöpfungsorgie, deren Ende nicht abzusehen ist. Die Ausgabe billiger Schulden in Billionenhöhe dient als Ausgleichsmechanismus für eine im freien Fall befindliche Weltwirtschaft, die zunehmend von einer Blase von groteskem Ausmaß abhängt (die natürlich irgendwann platzen wird). Die Atlanta Fed hat nun die Erwartungen für das US-BIP-Wachstum im ersten Quartal 2022 auf 0,0 % gesenkt und damit offiziell ein neues Zeitalter der Stagflation (Wirtschaftskrise) eingeläutet, das uns in die 1970er Jahre zurückversetzt – allerdings ohne den Spielraum, das zu wiederholen, was damals zur Vermeidung des Zusammenbruchs getan wurde. Nur wenn wir sie vor diesem Hintergrund betrachten, können wir verstehen, wozu die aktuellen Notlagen dienen.

Gegenwärtig bekommt die Fed (= das Zentralbank-System der Vereinigten Staaten) was nur ein Krieg garantieren könnte. Das heißt, die ideale Rechtfertigung, um die geplante Erhöhung der Zinssätze (Kosten für die Kreditaufnahme) zu bremsen. Selbst eine Zinserhöhung um 50 Basispunkte scheint jetzt für 2022 unwahrscheinlich. Schließlich ist ein Krieg in der Regel vorteilhaft für den Aktienmarkt – vor allem, wenn er Zinserhöhungen verhindert, die den manipulativen Trick der strukturellen quantitativen Lockerung (Kauf von Vermögenswerten durch die Zentralbank) aufdecken würden. Je angespannter die Lage in der Ukraine wird, desto eher wird sich der Anleihemarkt stabilisieren und die Renditen werden fallen (der Anleihemarkt fungiert als Kanarienvogel in der Kohlenmine für einen möglichen Marktabsturz). Darüber hinaus könnte die Aussetzung des EU-Stabilitäts- und Wachstumspakts, die aufgrund von Covid für 2020 beschlossen wurde, nun auf unbestimmte Zeit verlängert werden. Trotz gegenteiliger Signale könnte der Ukraine-Konflikt es der EU also leicht ermöglichen, die „Staatsschuldenkrise“ noch ein wenig weiter vor sich herzuschieben.

Die Quintessenz ist, dass unsere schuldengeplagten Volkswirtschaften weiterhin eher mehr als weniger QE benötigen ( QE - Quantitative Lockerung bezeichnet eine unkonventionelle Form der Ausweitung der expansive Geldpolitik durch eine Zentralbank), und zwar aus dem einfachen Grund, dass ihre Schulden weitaus höher sind als ihr Brutto Inlands Produkt (BIP). Aus diesem Grund ist die Zeitbombe der Ukraine-Krise eine Erweiterung der Zeitbombe der Schuldenkrise.

Letztere erfordert ein mehrjähriges QE-Geldpolitisches Regime, das durch eine zyklische Abfolge globaler Notfälle reguliert wird: Pandemien, terroristische Kampagnen, nukleare Bedrohungen, Handelskriege, militärische Konflikte oder – warum nicht – die Landung von Außerirdischen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit muss das Chaos heraufbeschworen werden, im Idealfall mit der Figur eines brutalen, blutrünstigen Feindes. Ob es nun in den Medien oder in der Realität stattfindet, es ist der Notkreislauf, der Notstand, der zählt, denn er hält den Geldhahn offen. Vergessen wir nicht, dass das Kapital ein blinder Prozess ist, das den Stillstand verabscheut: Es muss in ständiger Bewegung sein, auch wenn Bewegung bedeutet, dass immer größere Mengen an untragbaren Schulden angehäuft werden...

Kontrollierte Zerstörung

Die steigende Inflation – die wie bei Covid in den ukrainischen Kuchen eingebacken ist – erleichtert die kontrollierte Zerstörung der Gesellschaft durch die Erosion der Kaufkraft. Die Rettung der Finanzmärkte bedeutet heute die Unterdrückung der realen Nachfrage. Und als alleinige Inhaberin des Privilegs, Dollar aus dem Nichts zu schaffen, ist die Federal Reserve („Fed“) dem Spiel immer mindestens einen Schritt voraus. Wie ich bereits früher gezeigt habe, hatte die Bilanz der Fed im September 2019 begonnen, sich aufzublähen, als astronomische Mengen an elektronischem Geld per Mausklick in den maroden Finanzsektor gepumpt wurden, um ihn künstlich zu stützen. Nach zwei Jahren unermüdlicher Panikmache, Geschichtenerzählen und des Geld- Drucken war das Covid-Narrativ jedoch ein wenig abgenutzt und zunehmend widersprüchlich geworden – wie auch die Proteste der kanadischen LKW-Fahrer gegen die Corona-Maßnahmen zeigten. Während die „Covid-Todesfälle“ und „Fälle“ nicht gerade abnehmen, brauchte die Wirtschaft plötzlich eine neue Horrorgeschichte, die sie ausschlachten konnte, eine neue Wolldecke, die sie über die Welt werfen konnte. Dies ist jetzt besonders dringend, da die finanziellen Bedingungen so angespannt sind wie seit 2016 nicht mehr, d. h. wenn die Fed den Fuß vom geldpolitischen Gaspedal nehmen würde, würde die Welt in Rekordzeit in eine ausgewachsene Rezession stürzen!

Aus Angst, eine militärische Antwort zu improvisieren, die zum Armageddon (= Ort der endzeitlichen Entscheidungsschlacht in der Offenbarung des Johannes) führen würde, führen die NATO und die westlichen Eliten nun einen asymmetrischen Krieg mit Russland. (Ein asymmetrischer Krieg ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen Parteien, die waffentechnisch, organisatorisch und strategisch stark unterschiedlich ausgerichtet sind)

Dies wird vor allem die wehrlose Bevölkerung treffen, aber auch die Volkswirtschaften, die bereits von zwei Jahren Pandemie-bedingter wirtschaftlicher Schrumpfungen betroffen sind. Die Gasrechnungen und Rohstoffpreise werden weiter in die Höhe schnellen. Aber ist es nicht genau das, was der Große Neustart erfordert, wenn die neoliberale Fantasie vom „Ende der Geschichte“ ins Wanken gerät? Eine Energie- und Nahrungsmittelkrise steht uns bevor, die weitere repressive sozioökonomische Maßnahmen rechtfertigen wird – notfalls auch die Verhängung des Kriegsrechts, wie es kürzlich im demokratischen Kanada erprobt wurde. So schwierig es auch sein mag, wir sollten das geopolitische Schachbrett beiseite legen und uns auf die wirtschaftliche Ursache konzentrieren.

Politische Entscheidungen dieses Kalibers werden von den Bedingungen diktiert, die sich auf die Wirtschaft als Gesamtheit der zunehmend dysfunktionalen sozialen Beziehungen auswirken. Wenn Putin verrückt ist – wie in diesen Tagen scheinbar jeder gedankenlos wiederholt – befindet er sich zweifellos in guter Gesellschaft. Ich beziehe mich nicht auf die geistige Gesundheit von Joe Biden, sondern auf die Finanzmanager des gesellschaftlichen Reichtums und ihre kognitive Dissonanz, (= Zustand unvereinbarer Gedanken und Empfindungen) die der heutige Kapitalismus (das System) von ihnen verlangt.

Möchte jemand „Dr. Seltsam“ sehen?

Entscheidend für uns ist nach wie vor die Erkenntnis, dass die kapitalistischen Gesellschaften angesichts des beispiellosen Finanzdopings von einer Reihe globaler Bedrohungen abhängen, bei denen jedoch die Grenze zwischen simuliertem und realem Risiko immer dünner wird. Wie Marx argumentiert hat, erscheint das Kapital den Finanzmanagern im Wesentlichen als ein Objekt, das seine Verbindung mit seiner Substanz gelöst hat:

Im zinstragenden Kapital wird also dieser automatische Fetisch zu seiner reinen Form, dem sich selbst verwertenden Wert, dem Geld, das Geld züchtet, ausgearbeitet, und in dieser Form trägt es keine Spuren mehr von seinem Ursprung. Das gesellschaftliche Verhältnis vollendet sich in der Beziehung einer Sache, des Geldes, zu sich selbst. Anstelle der eigentlichen Verwandlung des Geldes in Kapital haben wir hier nur die Form dieser inhaltsleeren Verwandlung[i].

Heute wird der krankhafte Kern des Kapitals immer deutlicher sichtbar, da es sich fast vollständig von seinem Ursprung (der wertproduzierenden Arbeit) entfernt hat. Auch wenn die gegenwärtige Nutzung von Notlagen pervers ist, könnten psychotische Episoden vor der Tür stehen. Indem wir Putin als „verrückten Wlad“ bezeichnen, übersehen wir jedoch den Wahnsinn und die wahrhaft kriminelle Berufung des heutigen Kapitalismus. Um es noch einmal zu wiederholen: Ein implodierendes sozioökonomisches System, das von einer finanziellen Hebelwirkung in der gegenwärtigen Größenordnung getragen wird, benötigt dringend einen kontinuierlichen Strom von Notfällen und einem Bösewicht a la James Bond, dem man die Schuld geben kann. Die industrielle Herstellung von Notfällen wiederum erfordert glaubwürdige Akteure auf der Weltbühne und ein Publikum, das bereit ist, sich von zynischer Medienpropaganda schocken zu lassen.

Selektiver Humanitarismus und der finanzielle Eisberg

Während es ein Leichtes wäre, die Duldung der mörderischen Kriege („Operationen“) der USA/NATO in der jüngsten Vergangenheit durch unsere Medien zu untersuchen, ist die aktuelle Hetze gegen russische „Oligarchen“ wie Roman Abramowitsch ebenso aufschlussreich. Warum jetzt und nicht früher? Und warum werden unsere westlichen ‚Oligarchen‘ nur als ‚Unternehmer‘ bezeichnet? Ebenso unangebracht sind Parolen gegen Nazi-Putin, denn er vermittelt zwischen den beiden Mächten, die in Russland am wichtigsten sind: Gazprom und die Armee. Wie sehr unterscheidet sich Putin also von mächtigen politischen Führern in „demokratischen“ Ländern? Natürlich ist Putin kein Held“, wie Todd Smith es kürzlich formulierte, „falls jemand verwirrt war. Er ist nur eine weitere Elite, die auf der falschen Seite einer bestimmten ‚finanziellen‘ Situation erwischt wurde„. Aber warum machen unsere „demokratischen Führer“ Geschäfte (z. B. Waffengeschäfte) mit „Diktatoren“ in der ganzen Welt? Warum werden wir nicht aufgefordert, eine syrische oder palästinensische Flagge zu tragen, um die unschuldigen Menschen zu unterstützen, die täglich durch israelische Bombardierungen und Granatenbeschuss ums Leben kommen? Das beispiellose Ausmaß der heutigen Heuchelei – gemischt mit einer stumpfen rassistischen Empörung über die Bombardierung blonder und blauäugiger, zivilisierter Europäer statt „weniger zivilisierter“ Iraker oder Afghanen – ist symptomatisch für die degenerative Krankheit, die unsere „Welt“ befällt.

Die traurige Wahrheit ist, dass, wenn die Finanzeliten weitere Gründe brauchen, um die Märkte mit frisch geprägtem Geld aufzublähen, der Konflikt sogar eskalieren könnte. Nichts ist auszuschließen, wenn es darum geht, die Lebensspanne eines todkranken kapitalistischen Wirtschaftssystems zu verlängern. Hier ein Paradoxon, das uns zu denken geben sollte: An dem Tag, an dem Wladimir Putin in die Ukraine einmarschierte und offiziell zum neuen Hitler gekrönt wurde, verzeichneten die Finanzmärkte den stärksten Intraday-Anstieg seit März 2020, als die QE-Programme ( Ausweitung der expansive Geldpolitik) zur Rettung der Welt gegen Covid gestartet wurden. Seien wir ehrlich: Trotz der Krokodilstränen der führenden Politiker der Welt ist ihr Problem nicht die Freiheit der Ukraine, sondern der gigantische Eisberg der massiven Geldschöpfung aus dem Nichts, der kurz davor ist, die Titanic zu rammen.

Was kommt als Nächstes?

Erwarten Sie also eine langwierige geopolitische Krise die Maßnahmen der Zentralbanken gegen die viel gepriesene „Tapering“-Politik (Verringerung des Ankaufs von Vermögenswerten) und Zinserhöhungen rechtfertigen, ja sogar fordern wird. Erwarten Sie einen Tsunami weltweiter Inflation, weitere Verarmung und Massenmigration (von billigen Arbeitskräften) – all das wird Putin angelastet werden. Erwarten Sie die Rückkehr von Pandemie-Bedrohungen, die die laufenden Bestrebungen zur Globalisierung von Impfpässen und der Digitalisierung des Lebens unterstützen. Erwarten Sie ein neues Wettrüsten, um die stagnierenden Brutto Inlands Produkte (BIP) in der ganzen Welt anzukurbeln. Erwarten Sie, wenn es das wirtschaftliche Umfeld erfordert, mehr militärischen Schaden für die hilflosen Bevölkerungen, die in der Mitte der kapitalistischen Unterhaltungsshows gefangen sind. Erwarten Sie „falsche Flaggen“- Operationen und unerbittliche Desinformationskampagnen der Medien.

Die russische Invasion wird bis zur Unkenntlichkeit ausgenutzt werden, denn je länger sie andauert, desto mehr Geld wird aus der Zukunft abgezogen und in die Existenz geliehen – genau das, was durch das Covid-Manöver geschah. Wenn die Pandemie dazu diente, die strukturelle Krise des Kapitalismus zu verschleiern, indem man sie als mikrobiologische Krise ausgab, so erreicht Putins Krieg denselben Zweck mit militärischen Mitteln. Die heute vorherrschende Geldpolitik ist jedoch nichts anderes als ein verrückt gewordenes Krisenmanagement: eine zerstörerische Art der Verleugnung, die den zusammenbrechenden Prozess unserer gesellschaftlichen Reproduktionsweise nur noch beschleunigen wird. Eine andere Zukunft kann man sich nicht einmal vorstellen, geschweige denn aufbauen, ohne sich dessen bewusst zu sein….

Text zu finden auf Internetseite:

https://tkp.at/2022/03/15/vom-krieg-gegen-covid-zur-eskalation-des-krieges-in-der-ukraine-eine-analyse-von-fabio-vighi/

Sprachlich verbessert: Ottmar Lattorf

 

[i] Karl Marx, Capital: a Critique of Political Economy, volume 3 (London: Penguin 1991), p. 200 (chapter 24).


Unfall oder Absicht? Eine Auseinandersetzung mit Thesen von Fabio Vighi und Roland Wiesendanger

Die Hintergründe der Pandemie – eine Analyse von Prof. Fabio Vighi

Covid und Pandemie als Amoklauf des Finanzkapitals

Yanis Varoufakis: aus dem Kapitalismus wird gerade ein Techno-Feudalismus

(1) Professor für Critical Theory and Italian an der Cardiff University in England

 


 

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