«Maduro wurde gefasst»: Die Souveränität der Nationalstaaten wird zum Objekt US-Imperaler Raubzüge

von Giuseppe Gagliano*

Trump sagte es, ohne zu zögern, mit der Lässigkeit, mit der man das Ergebnis eines Golfspiels verkündet: «Maduro wurde gefasst.» Nicht verhaftet, nicht abgesetzt, nicht besiegt. Gefasst. Ein Begriff aus der Welt der Kopfgeldjäger, nicht des Völkerrechts. Und bereits ausser Landes gebracht wie ein sperriges Paket. Mit einem Schlag wird Venezuela vom souveränen Staat zum kriminellen Schauplatz und sein Präsident vom Regierungschef zum internationalen Häftling. Alles ohne Kriegserklärung, ohne Abstimmung im Kongress, ohne eine öffentliche Debatte, die diesen Namen verdient.

von Giuseppe Gagliano*

Trump sagte es, ohne zu zögern, mit der Lässigkeit, mit der man das Ergebnis eines Golfspiels verkündet: «Maduro wurde gefasst.» Nicht verhaftet, nicht abgesetzt, nicht besiegt. Gefasst. Ein Begriff aus der Welt der Kopfgeldjäger, nicht des Völkerrechts. Und bereits ausser Landes gebracht wie ein sperriges Paket. Mit einem Schlag wird Venezuela vom souveränen Staat zum kriminellen Schauplatz und sein Präsident vom Regierungschef zum internationalen Häftling. Alles ohne Kriegserklärung, ohne Abstimmung im Kongress, ohne eine öffentliche Debatte, die diesen Namen verdient. Ein einziger Post genügt. Und Geopolitik wird auf Truth Social [der Social-Media-Plattform von Donald Trump] ausgetragen.

Diese Erzählung ist seit Jahrzehnten bewährt und in ihrer Brutalität beruhigend: Maduro ist kein Präsident, sondern ein Boss, Venezuela kein Land, sondern eine Räuberhöhle, die Operation kein Krieg, sondern ein internationaler Einsatz. Es ist die Weltpolizei, die zuschlägt. Doch wenn sich Krieg als Polizeieinsatz tarnt, bricht die letzte verbliebene Barriere zusammen: die Souveränität. Und wenn die Souveränität eines Einzelnen zusammenbricht, droht die Souveränität aller anderen zu brechen.

Der Vergleich drängt sich auf: Panama 1989, als Manuel Noriega wie ein lästiges Paket abgeholt wurde. Doch Venezuela ist nicht Panama, und Maduro ist nicht Noriega. Hier geht es nicht nur um einen Mann, der gestürzt, sondern um ein ganzes System, das zerschlagen werden muss. Hier gibt es Öl, eine lange Geschichte von Sanktionen, wirtschaftlicher Strangulierung, ferngesteuerter Opposition und vor allem eine klare Botschaft: Wenn wir dich für einen Verbrecher halten, können wir dich überall festnehmen. Die Option eines ordentlichen Gerichtsverfahrens, internationales Recht wird ignoriert.

Und da ist ein Detail, das viele geflissentlich übersehen: Wenn Maduro tatsächlich gefasst wurde, hat jemand innerhalb des venezolanischen Systems die Tür geöffnet. Verrat, Zusammenbruch, Komplizenschaft? In jedem Fall ist es nicht einfach nur ein Sieg. Es ist der Beginn eines gewaltigen Problems. Denn die Entmachtung der obersten Führungsriege bedeutet nicht, die Kontrolle über das Verbleibende zu erlangen. Oftmals bedeutet es, ein Chaos hervorzurufen, das zuvor – im Guten wie im Schlechten – von einer zentralen Macht verhindert wurde.

Hier kommt der eigentliche Kernpunkt, der in offiziellen Stellungnahmen unerwähnt bleibt: Ressourcen. Die politische Entmachtung des venezolanischen Regimes ist weder ein moralischer Akt noch ein Akt universeller Gerechtigkeit. Es ist eine kalte, strukturelle wirtschaftliche Entscheidung, die in Washington lange geplant wurde. Besitzt ein Land aussergewöhnlich viele strategische Ressourcen, so sind Politik und Wirtschaft untrennbar miteinander verbunden, und Wirtschaft und Sicherheit ebenso. Ein Angriff auf die Spitze bedeutet, die Befehlskette zu durchtrennen, die den Zugang zu Reichtum regelt.

Venezuela ist nach wie vor eine unvollendete Energie-Supermacht. Seine Besonderheit liegt nicht in Knappheit, sondern im Überfluss: Es verfügt über die weltweit grössten zertifizierten Ölreserven, die grösstenteils schwer zu fördern sind und daher Technologie, Kapital und eine stabile industrielle Lieferkette erfordern. Das Problem für Washington ist nicht die geringe Ölproduktion von Caracas. Das Problem ist vielmehr, dass die wenigen geförderten Ölmengen politisch instrumentalisiert werden. Und dieses zukünftige Potential könnte, wenn es freigesetzt wird, regionale Machtgleichgewichte und globale Märkte grundlegend verändern.

Maduro hat Energie zu einem Instrument des geopolitischen Widerstands gemacht. Intransparente Verträge, Tauschgeschäfte, Dreiecksbeziehungen mit China, Russland und dem Iran, Zahlungen ausserhalb des westlichen Systems, systematische Umgehung von Sanktionen. Eine Überlebensökonomie, die nicht nur wirtschaftlich ist, sondern auch durch Militär- und Sicherheitsapparate geschützt wird. Solange die Führungsspitze besteht, bleibt diese Parallelarchitektur bestehen. «Normalisierung» entsteht nicht durch Verhandlungen, sondern durch die Beseitigung des Kontrollmechanismus.

Den Chef ins Visier zu nehmen bedeutet daher, den Markt wieder zu öffnen. Ein verhandlungsbereites Venezuela ist nützlich: Es vergibt Lizenzen, vergibt wieder Konzessionen und garantiert Investitionen. Ein Venezuela, das verhandelt, ohne die souveräne Kontrolle über seine Ressourcen aufzugeben, ist nutzlos und gefährlich. Es demonstriert damit seine Widerstandsfähigkeit, die Fähigkeit, den Dollar zu umgehen und Sanktionen zu überstehen. Dieses Tabu kann sich Washington nicht leisten.

Neben dem Öl besteht auch die Frage der strategischen Rohstoffe. Venezuela ist zwar noch kein Lithium-Zentrum wie Bolivien oder Chile, verfügt aber über Vorkommen, Entwicklungspotential und vor allem über Gebiete mit unzureichender Regulierung – ideale Voraussetzungen für die zukünftige Gewinnung von Lithium, Coltan, Gold und Seltenen Erden. Angesichts der Energiewende und des Kampfes um Lieferketten können die Vereinigten Staaten es nicht hinnehmen, dass neue, kritische Knotenpunkte dauerhaft unter chinesischen oder russischen Einfluss geraten.

Es ist kein Zufall, dass Peking seit Jahren in Infrastruktur und Kredite investiert und Verluste und Verzögerungen in Kauf nimmt, um seine strategische Präsenz zu festigen. Moskau nutzt Caracas als geopolitische Plattform und Testfeld, um Sanktionen zu umgehen. Solange die Macht konzentriert bleibt, gelten diese Abkommen. Scheitert die Führungsspitze, wird alles neu verhandelbar. Und angreifbar.

Hinzu kommt der Präzedenzfall. Ein Land, das Sanktionen übersteht, seine Abhängigkeit vom Dollar verringert und die Kontrolle über seine Ressourcen behält, sendet ein gefährliches Signal an andere Produzenten. Venezuela ist nicht nur ein lateinamerikanischer Fall, sondern ein potentielles Beispiel für wirtschaftlichen Ungehorsam. Seine Zerschlagung dient der Bestätigung einer ungeschriebenen Regel: Strategische Ressourcen müssen in einer kontrollierbaren Ordnung bleiben. Wer sie verlässt, wird zurückgeholt. Mit allen Mitteln.

Und schliesslich die amerikanische Innenpolitik. Der «Krieg gegen den Drogenstaat» bietet einen perfekten Rahmen: Er vereint Sicherheit, Einwanderung, Kriminalität und den Konsens der Wähler. Doch hinter der moralischen Fassade verbirgt sich der wahre Kern: stabile Energiepreise, die Kontrolle der Lieferketten und die Eindämmung rivalisierender Mächte in der westlichen Hemisphäre.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Maduro gestürzt ist. Sondern was danach kommt. Denn die Geschichte lehrt uns eine Lektion, die Washington stets zu vergessen vorgibt: Einen Mann zu stürzen ist leicht, Ordnung wiederherzustellen hingegen äusserst schwierig. Und wenn Krieg als ethische Säuberung verkauft wird, hinterlässt er meist nur noch mehr Dreck. •

Quelle: https://www.lafionda.org/2026/01/03/maduro-e-stato-catturato-la-sovranita-trasformata-in-retata/  vom 3.1.2026

(Übersetzung Zeit-Fragen)

https://www.zeit-fragen.ch/archiv/2026/nr-1-6-januar-2026-1/maduro-wurde-gefasst-souveraenitaet-wird-zum-objekt-eines-raubzuges

 


* Giuseppe Gaglianoist ein italienischer Journalist, Geopolitik-Experte und Philosoph, der sich auf Wirtschaftsspionage, Konfliktanalyse und strategische Studien spezialisiert hat und für verschiedene italienische und internationale Medien schreibt. Er ist Präsident und Gründer des Centro Studi Strategici Carlo De Cristoforis (Cestudec) in Como und lehrt zudem an der Universität von Kalabrien und am Istituto Alti Studi Strategici e Politici (IASSP) in Mailand. Er hat zahlreiche Beiträge über Wirtschaftskriegsführung und die Rolle von Geheimdiensten in der modernen Politik veröffentlicht.

Öffnung der «Büchse der Pandora»

von Živadin Jovanović, 4. Januar 2026

Venezuela ist Opfer einer arroganten militärischen Aggression der USA, die gegen die Charta der Vereinten Nationen und die Grundprinzipien des Völkerrechts verstösst. Diese Aggression sollte als inakzeptabler Akt, als Demonstration der Politik der Gewalt und als äusserst gefährlicher Präzedenzfall verurteilt werden. Es ist die Öffnung der Büchse der Pandora, was zu globaler Unordnung und Chaos führen könnte. Es gibt keine Rechtfertigung für die Aggression, Entführung und Inhaftierung des legitimen Oberhaupts eines unabhängigen und souveränen Staates. Erklärungen, dass die ausländische Macht das Land – das Opfer – für einen beliebigen Zeitraum regieren wird, sind nichts anderes als die Ankündigung einer illegalen Besetzung eines anderen Landes durch militärische Gewalt. Der wahre Grund und das eigentliche Ziel bestehen darin, eine Marionettenregierung zu installieren, die aussergewöhnlichen natürlichen Ressourcen Venezuelas, insbesondere die Ölreserven, unter direkte Kontrolle zu bringen, dem Land eine unabhängige Innen- und Aussenpolitik und eine gleichberechtigte Zusammenarbeit mit anderen Ländern zu nehmen sowie andere unabhängige Länder der Region zu bedrohen und zu unterdrükken.

(Übersetzung Zeit-Fragen)

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